Kann ein Muslim psychisch krank werden?

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Kann ein Muslim psychisch krank werden? Ist eine psychische Krankheit nicht ein Hinweis auf mangelnden Iman?

Leider ist es nicht so einfach. Natürlich kann auch ein gläubiger Muslim, eine psychische Störung entwickeln. Der Fehler liegt darin, psychische Störungen als eine Art kontrollierbare falsche Einstellung zu sehen. Es ist nicht so, dass ein Mensch plötzlich beschließt, unzufrieden mit den Gaben Allahs zu sein und deshalb depressiv wird. Es ist auch nicht so, dass sich jemand nach einem traumatischen Erlebnis einredet, dass niemandem Schlimmeres widerfahren wäre als ihm und er deshalb eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Wäre es so, wären „Ratschläge“ à la „Du musst dankbarer sein“ oder „Anderen geht es schlechter als dir“ tatsächlich hilfreich. Sind sie aber nicht, im Gegenteil. Sowohl psychische Störungen als auch die Psychologie werden stark verharmlost und unterschätzt. Psychische Störungen sind genauso wenig Einstellungsprobleme, wie „Faktastisch“ ein Psychologiestudium ersetzt.

Warum entstehen also bei manchen Menschen psychische Störungen und bei anderen nicht? „Also ich habe keine Störung, muss an meinem starken Glauben liegen.“. Falsch!

Ein beliebtes Erklärungsmodell der Psychologie, das Diathese-Stress-Modell, lässt sich mit einem Balanceakt vergleichen. Auf der einen Seite haben wir die Veranlagung. Gene und die Biochemie des Gehirns, machen eine Störung weniger oder mehr wahrscheinlich. Auf der anderen Seite haben wir die Umwelt mit all ihrem Stress.

Hat also Laila z.B eine starke Veranlagung, Depressionen zu entwickeln, reicht auch „wenig“ Stress , um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Hat Karim aber eine eher schwache Veranlagung, Depressionen zu entwickeln, so muss in seinem Leben etwas „Schlimmeres“ passieren, um eine Depression auszulösen. Keiner von beiden wäre jedoch schuld an einer Erkrankung. Und Karim hätte nicht das Recht, Laila aufgrund ihres „geringeren“ Leids zu belächeln, denn keiner kann etwas für seine Veranlagung.

Es gibt sogenannte Schutzfaktoren, die die Wahrscheinlichkeit, eine Störung zu entwickeln, senken. Dazu gehört z.B. Humor, soziale Kontakte, eine intakte Familie und ja, auch Glaube. Diese Faktoren senken jedoch nur die Wahrscheinlichkeit, sie können aber keine Krankheiten ausschließen. Hat also Abu Ober Lahya einen starken Iman, kann ihn das vielleicht eine Zeit lang vor einer psychischen Störung bewahren. Ist aber seine genetische Veranlagung stark, oder gerät seine Biochemie aus einem anderen Grund aus dem Gleichgewicht, oder erlebt er etwas für ihn Schlimmes, kann ihn auch sein Iman nicht mehr schützen. Wenn er jetzt erkrankt, ist es weder ein Zeichen für geringen Glauben, noch ein Hinweis darauf, die Schuld bei ihm zu suchen, es ist einfach eine Erkrankung. Mit urteilenden Kommentaren machen wir es solchen Menschen nur noch schwerer und treiben sie manchmal sogar noch tiefer in die Störung. Wir können Dua für diese Menschen machen und ihnen unsere Hilfe anbieten, aber lassen wir kontraproduktive Ratschläge sein ?